Interview mit Sebastian Brunner, dem neuen Redaktionsleiter von jazz'n'more – – – September 2026
Die Landschaft der Musikmedien in der Schweiz ist zusehends dünner besiedelt, insbesondere wenn es um die experimentelleren Genres geht: Schon 2018 wurde die Zeitschrift Dissonance/Dissonanz eingestellt, bei Radio SRF2 Kultur steht die nächste Kürzungsrunde ins Haus und auch jazz’n’more stand kurz vor dem Aus. Nun ist das Schweizer Musikmagazin jedoch wieder zum Leben erwacht – mit neuer Redaktion, neuem Erscheinungsbild und einem breiteren musikalischen Blick. Sebastian Brunner hat die Geschäftsführung und Redaktionsleitung übernommen. Lange war er für das Booking im Moods verantwortlich, bevor er 2023 seine eigene Veranstaltungsreihe «Noise Reduction» gründete, mit der er Konzerte in verschiedenen Zürcher Spielstätten organisiert. Im Gespräch mit Eva Marie Herbert erzählt er, warum das Magazin weiterhin von grosser Relevanz ist, weshalb der Neustart zunächst auf Papier stattfindet und warum er seine Arbeit daran auch als kuratorische Aufgabe versteht.

Sebastian Brunner © Francesca Camilla
Wie kam es dazu, dass du die Geschäftsführung und Redaktionsleitung von jazz’n’more übernommen hast?
Der ehemalige Herausgeber Peewee Windmüller hat jazz’n’more gemeinsam mit seiner Frau Theres Windmüller 26 Jahre lang geführt. Nach knapp 29 Jahren wurde jazz’n’more Ende 2025 eingestellt. Aus der Szene kam daraufhin sehr deutlich das Signal, dass das Magazin weitergeführt werden sollte. Harald Haerter hat mit grossem Engagement Menschen zusammengebracht und Ressourcen gebündelt. Daraus entstand schliesslich ein neuer Verein und ich habe die Geschäftsführung und Redaktionsleitung übernommen.
Warum war für euch klar, dass es jazz’n’more weiterhin braucht?
Solche Musikmagazine sind wichtig für eine Szene und für die Sichtbarkeit des nationalen Musikschaffens – natürlich auch im Austausch mit internationalen Szenen. In Deutschland gibt es mehrere vergleichbare Jazz-Magazine. Wir sind überzeugt, dass es auch in der Schweiz ein solches Magazin braucht.
Während viele Kulturmagazine Print reduzieren oder ganz einstellen, setzt ihr beim Neustart weiterhin darauf. Warum?
jazz’n’more gab es zwar als PDF für digitale Abonnent:innen, darüber hinaus aber kaum in einer genuin digitalen Form. Für den Neustart war Print deshalb zunächst die naheliegendste Struktur, um Kontinuität zu schaffen. Gleichzeitig hat das physische Magazin Qualitäten, die wir erhalten wollen. Vor allem aber konnten wir so auf einer bestehenden Form aufbauen, statt alles gleichzeitig neu entwickeln zu müssen. Eine eigenständige digitale Präsenz ist der nächste Schritt.
Gleichzeitig habt ihr das Erscheinungsbild komplett verändert. Warum war das wichtig?
Nach so vielen Jahren war es einfach Zeit für Veränderung. Für uns ist das ein Neuanfang und ein Aufbruch in eine andere Richtung – und das sollte auch visuell sichtbar werden.
Die erste Ausgabe nach der Pause sah noch relativ ähnlich aus wie früher. Das war bewusst so. Wenn jemand das Magazin irgendwo im Regal sah, sollte der erste Gedanke sein: Ah, da ist es ja wieder. Danach konnten wir den nächsten Schritt machen.
Was hat sich mit dem Neustart inhaltlich getan im Magazin? Was wolltet ihr bewahren – und was verändern?
Der Fokus bleibt klar auf Jazz, und auch die Grundstruktur haben wir nicht komplett auf den Kopf gestellt. Gleichzeitig haben wir jetzt die Chance, Dinge neu zu denken. Dieser Prozess ist noch lange nicht abgeschlossen. Das Magazin wird sich über die nächsten Ausgaben weiterentwickeln.
Eine wichtige Veränderung ist die stilistische Öffnung. Früher hiess es «Schweizer Jazz- und Blues-Magazin». Von dieser engen Zuschreibung wollen wir weg. In der aktuellen Ausgabe haben wir beispielsweise die Jodlerin Nadja Räss oder Daniel «Düx» Fontana vom Festival «Bad Bonn Kilbi». Mit Thomas Meyer, der die Redaktion «Neue Musik» leitet, haben wir einen sehr erfahrenen und vielseitigen Journalisten für zeitgenössische Musik, der wir ebenfalls mehr Raum geben wollen. Das sind Themen und Personen, die früher vielleicht nicht unbedingt im Magazin aufgetaucht wären.
Wie weit kann diese Öffnung gehen?
Das werden wir sehen. Es geht nicht darum, einfach möglichst viele Genres abzudecken, sondern ausgewählte Themen hineinzunehmen, die für diese musikalische Welt interessant, relevant und frisch sind. Vielleicht kommt jemand auch einfach mit einer Idee, aus der sich wiederum etwas Neues entwickelt – dafür sind wir offen.
Du denkst die Redaktion also auch ein Stück weit kuratorisch?
Für mich hat redaktionelle Arbeit viel mit Programmgestaltung zu tun. In den letzten Jahren habe ich mich oft gefragt: Wie stelle ich ein Konzertprogramm zusammen? Beim Magazin ist das gar nicht so anders. Welche Themen und Menschen bringe ich zusammen? Was ist gut, was ist reizvoll, was überrascht?
Im besten Fall bildet das Magazin ab, was in dieser grossen musikalischen Welt gerade passiert. Natürlich kann man nie alles abdecken. Aber für mich gilt ähnlich wie bei der Programmgestaltung: Wenn ich selbst Lust auf das Programm habe, dann ist es ein gutes Programm.
Die Rubrik «Unsung Heroes» hat mich auf Anhieb neugierig gemacht. Was steckt dahinter?
Damit wollen wir Menschen aus der Vergessenheit holen, die nie genug Beachtung bekommen haben, obwohl sie sehr gut sind. Gleichzeitig möchten wir generell stärker zeigen, wer hinter der Musik steht: Labels, Festivalleute und andere Personen, die eine Szene mitprägen.
Neben einigen treuen Autor:innen der ersten Generation kommen auch neue Stimmen zu Wort im Magazin. Wer wird für jazz’n’more in Zukunft schreiben?
Wir fragen Schritt für Schritt neue Schreiber:innen an. Für die aktuelle Ausgabe sind beispielsweise neue Beiträge aus den USA dazugekommen, ausserdem von Julia Kubik, Benedikt Sartorius und Ralf Dombrowski. Uns ist ausserdem wichtig, jüngere Journalist:innen dazu zu holen – und insbesondere mehr Frauen. Beide fehlen bisher stark.
Wie hast du diesen Neustart persönlich erlebt?
Es ist ein ziemlicher Ritt – und wir sind nach wie vor mittendrin. Ein Neustart in dieser Grössenordnung bringt sehr viel Arbeit mit sich, und natürlich gibt es auch Unsicherheiten darüber, wie sich alles langfristig entwickeln wird. Gleichzeitig ist da ein starker Wille, dieses Magazin weiterzuführen, und inzwischen steckt sehr viel Arbeit, Überzeugung und Herzblut darin.
Für mich persönlich ist es eine ganz neue Herausforderung und eine tolle Gelegenheiten, in kurzer Zeit viel Neues zu lernen. Ich würde mich deshalb jederzeit wieder dafür entscheiden.
Gab es schon einen Moment, in dem du dachtest: Der Aufwand hat sich gelohnt?
Das Magazin tatsächlich in der Hand zu halten. Beim Opening des Jazz Festival Willisau hatten wir einen Soft Launch, und die Reaktionen aus der Szene waren durch und durch positiv. Das war sehr schön. Es hat uns signalisiert, dass es Platz für dieses Magazin gibt und dieser Schritt längst überfällig war. Jetzt müssen aus der Begeisterung noch Abonnements werden.
Wo soll jazz’n’more jetzt hin?
Wir haben mit dem Journalisten Ruedi Amstutz, dem Grafiker Urs Althaus und mir ein Team, das extrem Lust hat, das Magazin weiterzuentwickeln und musikalisch mit einem hohen Anspruch an die Sache zu gehen. Für mich ist das der einzige Weg, wie es langfristig funktionieren kann: Die Leute sollen wissen, dass sie hier Qualität bekommen. Es geht nicht darum, den Leuten zu gefallen, sondern das zu machen, was wir selbst für richtig halten. Am Ende soll jede Ausgabe ein Paket voll mit Leidenschaft sein.